Entwicklungsaufgaben in der frühen Kindheit im kulturellen Kontext. Unterscheidung zwischen independenter und relationaler soziokulturellen Orientierung anhand verschiedener Bewältigung von Entwicklungsaufgaben

Kurzbeschreibung

  • Entwicklungsaufgabe als Säugling: soziale Interaktion zur Kompensation physiologischer Hilflosigkeit auf intuitiver, biologischer Basis zur Entwicklung einer ersten Selbststrucktur
  • Kulturelle Unterschiede ab dem dritten Lebensmonat: indepent und relationale soziokulturelle Orientierung
  • indepente Orientierung: Mittelklasse in Industrie- und Informationsgesellschaften
  • relationale Orientierung: dörfliche Lebensgemeinschaften in Afrika
independent relational
Selbstkonzept geschlossen, stabil, von Anderen abgegrenzt; verhandelbare, freiwillige und endliche Beziehungen mit anderen verbunden, an Rollen und Normen orientiert; lebenslange, auf Verpflichtungen basierende Beziehungen
Kommunikation viele Kinder sind Einzelkinder => Aufmerksamkeit ganz auf Säugling gerichtet, Wahnehmung und Reaktion auf Signale, Mutter zunächst primärer Beziehungspartner Sozialisation von Anfang an in der ganzen Familie, hierarchische Beziehungsstruckturen, Aufmerksamkeit verteilt sich auf mehrere Geschwister, Reaktion auf negative Signale des Säuglings (Stillen), viel Körperkontakt
Erziehungsziele Selbstregulation als Voraussetzung von moralischer Entwicklung in Form von freiwilliger Verpflichtung, Selbstbestimmung, Selbstständigkeit Fokus auf Gehorsam, Eingliederung in die (hierarchische) soziale Strucktur

Langbeschreibung

Der Text beschreibt die frühkindliche Entwicklung und differenziert dabei zwischen zwei kulturell bedingten Sozialisationsverläufen. Zunächst wird dabei die These aufgestellt, dass im Folge der Entwicklung eine Reihe von universellen Entwicklungsaufgaben mit Hilfe eines universellen Verhaltensrepertiore gelöst werden müssen, deren jeweilige Anwendung kulturell bedingt ist.

Innerhalb der ersten drei Monate läuft die Entwicklung des Säuglings jedoch überall ähnlich ab. Zur Kompensation der physiologischen Unzulänglichkeiten des Säuglings ist es mit einer Reihe von biologischen Eigenschaften ausgestattet, die die erste Eingliederung in ein soziales System ermöglichen (siehe z.B. Kindchenschema). Die Differenzierung in unterschiedliche soziokulturelle Entwicklungsverläufe erfolgt etwa ab dem 3. Lebensmonat nach der Ausbildung einer ersten Selbsstrucktur des Säuglings.

Der independenten soziokulturellen Orientierung liegt dabei ein geschlossenes, grundsätzlich von anderen unabhängigen (independenten) Selbstkonzept zu Grunde. Beziehungen sind freiwillig und verhandelbar und können sich immer neu definieren oder auch enden. Für die frühe Mutter-Kind Kommunikation ist dabei die geringe Geburtenrate, sodass viele Kinder als Einzelkinder auf die Welt kommen. Als Folge daraus ist die Aufmerksamkeit der Mutter ausschließlich auf das Kind gerichtet. Signale des Säuglings werden empfangen und möglichst sofort angemessen darauf reagiert. Über die sprachliche Kommunikation wird der Säugling von Anfang an respektiert und als nahezu gleichberechtigt angesehen, was die Entwicklung eines unabhängigen Selbstkonzepts von Anfang an unterstützt. So sind weitere Erziehungsziele der frühkindlichen Entwicklung vor allem Eigenständigkeit und Selbstregulation, die als Entwicklungsaufgaben im Alter von 18-20 Monaten bewältigt werden. Letztere bietet dabei die Voraussetzung für moralische Entwicklung und wird durch das Aufstellen von Verboten und Aufforderungen erreicht, die im Idealfall auf freiwilliger Basis beachtet werden sollen.

Die relationale soziokulturelle Orientierung wiederum verfolgt ein anderes Selbstkonzept, in dem der Einzelne in einem sozialen Geflecht mit anderen verbunden (relational) ist. Beziehungen sind hier verpflichtend, basieren auf festgelegte Rollen und Normen und bestehen für ein ganzes Leben. So ist schon die Mutter-Kind-Einheit nur ein Teil einer größeren Gruppe, in die der Säugling von Anfang an eingeführt wird. Zudem ist in den afrikanischen Dorfgemeinschaften der relationalen Orientierung die Geburtenrate grundsätzlich höher, weshalb sich die Aufmerksamkeit der Mutter auf viele Kinder verteilen muss. Dadurch werden die Signale des Kindes in der Regel nicht erst interpretiert, um anschließend darauf zu reagieren. Lediglich auf negative Signale des Säuglings wird sofort (durch Stillen) reagiert. Des Weiteren findet ein Großteil des Mutter-Kind Kontakts durch den ständigen Körperkontakt statt. Aufgrund dieser Umstände wird von vornherein die Entwicklung einer sozialen Intelligenz gefördert, die die Eingliederung in das normierte soziale System erleichtert. Die Entwicklungsaufgabe der Selbstregulation wird schließlich hauptsächlich durch das Fordern von Gehorsam erreicht. Auch dies dient der Eingliederung in das soziale Netzwerk und fördert eher die Fähigkeit zur sozialen Regulation

Eine weitere Entwicklungsaufgabe in der Kleinkindzeit (18-20 Monate) ist schließlich die des Selbsterkennens. Diese Fähigkeit zeigt, dass das Kleinkind erstmals in der Lage ist sich selbst als eigenständige, abgegrenzte Einheit zu verstehen und wird über den Spiegeltest nachgewiesen. Zudem ist Selbsterkennen als Voraussetzung für die Entwicklung von Empathie (dem Nachempfinden der Gefühlslagen eines Anderen getrennt von der eigenen). Obwohl dies noch nicht hinreichend untersucht worden ist, zeigt sich die Tendenz, dass aufgrund des zugrunde liegenden, unabhängigen Selbstkonzepts diese Entwicklungsaufgabe in der indepenten soziokulturellen Orientierung früher bewältigt wird.


Referenzen

Buch

S.17-20

Heft

Mitschrift

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